Die Napoleon-Kiste

Im Jahre 1809, nach der Schlacht bei St. Michael ob Leoben, zog an einem heißen Sommertag ein Trupp schnauzbärtiger Franzosen über den Schoberpaß und nahm Quartier in Trieben. Auch der Schmiedwirt (ehem. Gasthof Ebner), war mit Franzmännern dicht belegt. Doch kaum waren die Soldaten warm geworden, kam schon wieder der Befehl, über den Triebener Tauernpaß ins Murtal zu ziehen. Bei dem raschen Abmarsch zog auch der Schmiedwirt mit, nicht als Geisel oder um erschossen zu werden, sondern um mit seinem hohen Leiterwagen und zweien seiner besten Pferde, eskortiert von zwei Reitern aus dem französischen Hochadel, die Regimentskasse über den Paß nach St. Johann zu bringen.

Mit von Goldstücken klingender Franzosenkiste ging die Fahrt auf dem holprigen Weg zum Tauern hinauf. Der schlaue Schmiedwirt erkannte sofort an dem Klang, welch wertvolle Last ihm anvertraut war. Der Inhalt konnten nur französische „Louisdors“ (Goldstücke mit dem Bilde Ludwigs XIV.) sein. Er strengte sofort sein schlaues Gehirn an, um einen passenden Plan auszuhecken, um in den Besitz des Schatzes zu kommen. Jedesmal, wenn sich am Wege den Tauern hinauf ein Wirtshaus zeigte, schrie er, so laut er konnte: „Musjöö, Franzos, Napoleon, hier ist ein guter Wein, trinken, trinken!“ Und sie tranken und tranken bei jedem der zahlreichen Gasthäuser und jedesmal ganz ordentlich. Der Schmiedwirt hielt tapfer mit. Er war immer der standfesteste Zecher gewesen, und so trank er beim Abschiedstrinken in St. Johann am Tauern am späten Abend die beiden adeligen Franzosen buchstäblich unter den Tisch und verschwand dann mit Roß und Wagen und natürlich auch mit der wertvollen Geldkiste. Um nicht gefangen zu werden, fuhr er, schlau wie ein Fuchs, auf einsamen Waldwegen, fern von der Heeresstraße, ins Murtal und von dort stromabwärts. Während man ihn am Tauern und in Trieben fieberhaft suchte, zog er gemächlich nach St. Michael und bog erst dort ins Liesingtal ein und kehrte triumphierend nach Trieben zurück.

Mit dem erbeuteten Geld baute er sich eine große Schmiedewerkstatt und ein geräumiges Stallgebäude als weithin sichtbar Erinnerung an seinen Diebstahl – es ist der riesige „Ebner-Stadl!“. Was übrig blieb, hat er mit seinem Zechkumpanen, denen er seine Heldentat immer wieder mit den kleinsten Einzelheiten erzählte, vertrunken!

aus 900 Jahre Trieben von Franz Wohlgemut


Der Fischer und die Kröten

Vor tausend Jahren gab es im Paltental noch einen großen See, der von der Enge von Strechau bis zum Schoberpaß gereicht haben soll. Am Ufer dieses Sees, beim Triebener Tauern, stand ein Fischerhaus (heute vielleicht Horn vlg. Greutbauer), und darinnen wohnte, einsam und verlassen, ein junger Fischer. Beim Fischfang sah er eine Tages zufällig zum Sonnberg hin und sah dort ein hübsches Mädchen in der blühenden Wiese. Sein Herz entbrannte in Sehnsucht nach einer jungen Gefährtin, und er beschloss sofort, auf seinem Schilffloß ans andere Ufer zu rudern. Es war aber Abend, und die Kröten, die in unzähligen Paaren am Ufer saßen, begannen ihren Nachtgesang. Eine Stunde später war er in der Nähe des Sonnberges und sang im aufkommenden Sternenschein ein schwermütiges Liebeslied. Mit ihm aber sangen die Kröten zusammen. In seinem Liebesleid merkte er nicht, dass plötzlich vom Tauern ein mächtiger Sturmwind sich erhob und das Wasser des Sees aufwühlte. Er begann sofort, über den See zurückzurudern, ohne die Geliebte gesehen zu haben. Er ruderte schnell und kräftig mit seiner Ruderschaufel, aber der Gegenwind hinderte ihn, und es schien ihn, als käme er nicht von der Stelle. Er war kaum über die Mitte des Sees hinweggekommen, als Sturm und Wellen so stark wurden, dass seine Kräfte erlahmten. Da – mit einem Male – schien es ihm, als trügen unsichtbare Geister sein Floß an das rettende Ufer und zu seiner Hütte. Es waren die Kröten, die mit ihm das Liebeslied gesungen hatten, helfend herbeigeeilt, hatten sich unter das Floß begeben und mit ihm gerudert, bis sein Leben in Sicherheit war.

aus 900 Jahre Trieben von Franz Wohlgemut


Der Schusterspitz

In der Nähe von Trieben führte eine alte Brücke über sumpfiges Gelände, wo der Weg einen steilen Berg hinaufführt. Alle Jahre lagert der Wildbach so viel Schutt ab, dass sich an seinen Ufern Stauwasser sammelt. An der Berglehne ist eine Stiege in den Felsen gehauen, die von den Jägern heute noch benützt wird. Man gelangt durch sie auf den Schusterspitz, der von einigen Felsnischen gebildet wird.
Dort wohnte vor langer Zeit ein Schuster, der eine große Geschicklichkeit im Schuhmachen besaß und sich dadurch viele Kunden erwarb. Er arbeitete sehr gerne im Freien und trug deshalb seine Werkzeuge an seinem Gürtel. Eines Tages erschien ihm der Teufel, der ihn aufforderte, mit ihm eine Wette einzugehen und zwar musste der Schuster mit dem Teufel ein Paar Schuhe zu gleicher Zeit beginnen. „Wenn ich früher fertig bin als du“, sprach der Teufel, „ist deine Seele mir verfallen, doch verlier‘ ich, werde ich dich künftig in Ruhe lassen.“ Der Schuster war damit einverstanden, und sie teilten ihre Werkzeuge gleichmäßig auf. Der Teufel legte seine Werkzeuge in eine Felsennische, wo sie ihm über den Berg hinabrollten. Da er sie immer heraufholen musste, war es ihm ein großer Zeitverlust bei seiner Arbeit.
Der Schuster jedoch, der die Werkzeuge an seinem Gürtel befestigt hatte, gewann einen großen Zeitvorsprung und hatte deshalb seine Schuhe eine Stunde früher vollendet als der Teufel. Der war darüber so erzürnt, dass er mit Schwefelgestank vom Schusterspitz verschwand und den Schuster fürderhin in Ruhe ließ.

aus 900 Jahre Trieben von Franz Wohlgemut


Der hilfsbereite Räuber

Gegenüber der heute noch bestehenden Jaklitschkapelle, dort, wo an der alten Tauernstraße das erste Teilstück von Trieben herauf in der Straßensteigung zu Ende geht, befand sich eine ziemlich geräumige Höhle mit mehreren Haupt- und Seiteneingängen, die zum Teil den Berg hinaufführten, einer jedoch reiche bis zum Bach hinunter.
Vor etwa 200 Jahren, als noch die Vorspanne, starke belgische Zugpferde, in den Ställen des Wallner-Hauses (Taverne), Trieben Nr. 1, darauf warteten, die Salzfuhren über den Tauernpass zu ziehen, lebte ein wild zerzauster, zotteliger Mann in dieser Höhle. Er soll ein „Räubergeselle“ gewesen sein, ließ sich aber nur selten blicken, er war anscheinend stark und geschmeidig, aber sehr hager, sonst hätte er sich in der engen Höhle nicht bewegen können.
Von diesem „Räuber“ erzählt man folgendes: An einem schönen Sonntagsmorgen, gerade beim Gebetläuten von St. Lorenzen her, krachte im Stiftswald jenseits des Tauernbaches einige Schüsse. Das Echo kam donnernd vom Triebenstein zurück. Der „Rauber“ war dadurch wach geworden und blickte mit zerzausten Haaren und blinzelnden Augen aus dem Höhlenspalt heraus. Im gleichen Augenblick krachte nun ganz in der Nähe, beim Wildbach, neuerlich ein Schuss. Ein schrecklicher Schrei übertönte das Brausen des Baches. Der „Rauber“ verschwand blitzschnell in seiner Höhle und eilte, so schnell er konnte, durch einen Seiteneingang zu seiner Wasserstelle am Wildbach. Da wurde schon ein scheinbar lebloser Menschenleib angeschwemmt, es war ein angeschossener Wildschütz. Der „Rauber“ griff unter Lebensgefahr in das reißende Wasser, zog die Gestalt in den Höhleneingang und verschloss diesen fürsorglich mit einem der Natur angepassten Steinblock. Bald darauf kamen die Jäger an den Bach heran und suchten, natürlich vergebens, nach dem Wilddieb. Seit dieser Zeit sollen dann jahrelang zwei „Rauber“ in der alten Höhle gehaust haben.

aus 900 Jahre Trieben von Franz Wohlgemut


Die Maden und der Jäger

Um die Mitte des 18. Jhdt. lebte in Trieben ein junger, fescher, admontischer Stiftsjäger, dessen Revier im Wolfsgraben am Triebenstein lag. Er suchte schon lange nach einem braven Mädchen als Lebensgefährtin.
Eines Abends begegneten ihm auf einem Rundgang an der Tauernstraße zwei hübsche Mädchen, eines von der Eselsbergerhube, das andere von der sogenannten Hechtlhube oberhalb von Trieben. Der Jäger verliebte sich sofort in das Hechtlmädchen und zog es ungestüm an sich, die Maid erwiderte sein Werben, und sie zogen sofort die Straße hinab ins Triebener Jägerhaus, ohne sich weiter um das stehengebliebende Eselsbergermädchen zu kümmern. Dieses Mädchen aber wurde nun aus verschmähter Liebe ganz verstört und schwur dem Jäger, den sie schon lange heimlich geliebt hatte, und seiner Braut furchtbare Rache. Sie eilte nach Hause und tötete in der schwülen Sommernacht allerlei Hausgetier, Hühner, Hasen und sogar den Hofhund, und zerhackte mit einem Hackmesser die Kadaver in kleine Stücke. Diese Fleischstücke verstaute sie in ihrer festverschlossenen Kammer. Den Hausgenossen gegenüber behauptete sie, Füchse und Marder hätten die Tiere weggeschleppt. Durch die große Hitze wurde das Fleisch sofort faulig, und Millionen von Maden entwickelten sich. In der nächsten Mitternachtssonne, als der Vollmond schiedn, öffnete das Mädchen ihre Kammer, schwang die Zauberrute ihrer Großmutter und befahl den Maden, zur Hechtlhube zu wandern: „Zur Hechtlhube müsst ihr, zur Hechtlhube“, zischte sie wie irrsinnig, „verderbt dort alles, kriecht der Jagersbraut ins Bett und fresst sie bei lebendigen Leib auf!“ Und siehe da- die Maden gehorchten ihr und gingen auf die Wanderung. Einige Stunden später marschierte der glückliche Jägersmann auf der Tauernstraße seinem Revier zu. Plötzlich stockte sein Fuß, sein Angesicht wurde schreckensbleich: Ein mehrerer Fuß hoher und dreizehn Schritt langer Madenhaufen bewegte sich übelriechend und unheimlich still über die Straße. Der Jäger erkannte die Gefahr für seine Geliebte. Er stürmte vor den Madenhaufen und ritzte mit seinem Schuhabstaz drei Kreuze in die Straße und rief den Maden zu: „Zurück in Gottes Namen, freßt diejenige, die euch geschickt hat!“ Der Jäger aber heiratete sein Mädchen bereits am folgenden Sonntag.

aus 900 Jahre Trieben von Franz Wohlgemut


Die Wolfsgrabenhexe

Kaiser Ferdinand I. (1526-1564) hatte dem Triebener Bürger Rupert Matlhammer erlaubt, am südlichen Ortsrand ein Hammerwerk zu bauen und zu betreiben. Die Kunde von diesem großen Hammerwerk, das vielen Leuten Arbeit und Brot bieten würde, gelangte auch in den Süden unseres Landes, das damals von einer Hungersnot heimgesucht wurde. Sogleich beschlossen einige beherzte Männer mit ihren Familien trotz des ungünstigen Herbstwetters in die Wildnis des Tauern und ins Triebener Tal zu ziehen.
Es war schon spät am Abend, als sie endliche über die Schlucht des Tauern ins Triebener Tal hinuntersahen. Sie waren von Hunger und Elend entkräftet, die Kleider hingen ihnen in Fetzen um den Leib, und ein eisiger Nordwind rüttelte und schüttelte sie, besonders aber ihre armen Frauen und Kinder, zum Erbarmen. Die Dämmerung brach herein, ein wilder Schneesturm nahm ihnen den Atem. Die entkräfteten Frauen und Kinder flehten um eine kurze Rast, die Männer aber fürchteten die Finsternis und wollten um jeden Preis noch vor Einbruch der Nacht das Tal erreichen. Aber die Erschöpfung war zu groß, die Frauen und Kinder brachen auf dem Weg zusammen. So mussten auch die Männer fluchend stillhalten. Es sollte ihre letzte Rast sein! Auf einmal brachen aus einem wilden Seitengraben ein ganzes Rudel Wölfe auf die hilflosen und ausgezehrten Wanderer los. Es begann ein furchtbares Blutbad. Nach verzweifelter kurzer Gegenwehr lagen die Leichen der Einwanderer zerrissen und entsetzlich entstellt auf dem Boden der Straße und der Einöde. Den Jägern und Hirten, die am nächsten Tag die Kampfstätte betraten, bot sich ein grauenhaftes Bild. Alle Reisenden waren tot, nur eine besonders zottige Wölfin hielt ein jammerndes kleines Kind in ihren riesigen gelben Fangzähnen und rannte vor den anstürmenden Jägern in das Dickicht des Waldes, das Kind blieb unauffindbar.
Nach vielen Jahren holten in einem besonders harten Winter Schmiedgesellen des Hammerwerkes Trieben Holzkohle aus den Wäldern des Tauern. Plötzlich sahen sie sich von einem wilden Rudel reißender, hungriger Wölfe umgeben. Starr vor Entsetzen warteten sie auf ihr furchtbares Ende, da sie ohne jede Waffe waren. Da – in höchster Not – ertönte ein gellender, seltsamer Schrei von der Waldlichtung her. Es zeigte sich eine große, schreckenserregende Weibsgestalt, die den Wölfen das Kommando gab und mit ihnen, wie vom Boden verschlugen, im Walte verschwand. Die zu Tode geängstigten Schmiedgesellen sanken auf die Knie und dankten Gott für ihre wunderbare Rettung.
Bald lief die Kunde durch alle umliegenden Täler, dass eine gute Frau, die „Wolfsgrabenhexe“, die Herrin der Tauernwölfe sei, und die Menschen, die sich im Schnee und in den Schluchten verirrt hatten, durch ihre Wölfe wieder auf den rechten Weg und zu bewohnten Gegenden führen lasse. Vielleicht war sie das weinende Kind, das von den Wölfen geraubt und aufgezogen worden war und nun ihre Menschennatur durch diese guten Hilfswerke unter Beweis stellte!

aus 900 Jahre Trieben von Franz Wohlgemut